Vegetarische Tafelrunde  

 

 

23.06.2007: Der erste organisierte Vegetarier

 

Vegetarier sind, vorausgesetzt, sie sind dies nicht aus rein medizinischen Gründen, immer auch irgendwie Missionare. Sie

wollen die Menschheit auf den richtigen Weg führen, auf einen weniger bestialischen, weil fleischlosen Weg. Und so verwundert

es nicht, dass der Gründer der ersten Vegetarier-Vereinigung ein Prediger war, ein Pfarrer, ein Demokrat, ein Freidenker.

 

Er hieß Eduard Baltzer und war ein Kämpfer für seine Ideen. Noch drei Jahre vor seinem Tod in diesen Tagen vor 120 Jahren,

genau am 24. Juni 1887, wurde der seinerzeit 70-Jährige zu einem Monat Festungshaft verurteilt, weil der sich erlaubt hatte,

den blaublütigen Wilhelm der Barbarei zu bezichtigen, weil dieser an einer Hetzjagd teilgenommen hatte. Baltzer bewies damit

nicht nur Mut, sondern auch gewisse hellseherische Fähigkeiten, denn dieser Wilhelm, der wenig später als Wilhelm II. deutscher

Kaiser wurde, erwies sic Probleme mit Blutvergießen hatte. Eduard Baltzer wuchs in einem evangelischen Pfarrhaus in Hohenleina

bei Leipzig auf, erhielt in der Eliteschule Pforta  eine umfassende humanistische Ausbildung und atmete den Geist der Zeit, einer

Zeit des Aufbruchs, der Agonie des Feudalismus, der Freiheitsliebe, des Patriotismus, des Versuchs, sich aus überlieferten

Fesseln zu lösen – auch aus denen der Kirche. Auch Baltzer kann und will sich dem nicht entziehen. Er wird Pfarrer in Delitzsch,

aber er kümmert sich nicht um die Kirchenagenda und schließt sich dem Magdeburger Pfarrer Leberecht Uhlich.

 

Die Behörden hatten ihn schnell als verdächtiges Subjekt eingeordnet. Ähnlich sahen es auch die Kirchen-Funktionäre. Eine

Pfarrstelle in Halle wird ihm zweimal versagt, auch in Nordhausen bremst ihn das Konsistorium, nachdem ihn die Gemeinde

bereits zum Pfarrer gewählt hatte. Aber seit dem März-Edikt 1847 konnte jeder aus der Kirche austreten. Baltzer und seine

Anhänger ergriffen sofort die Gelegenheit und gründeten eine freie protestantische Gemeinde in Nordhausen. Baltzer war nun

kein Pfarrer mehr, sondern Prediger.

 

1859 wurde Eduard Baltzer der erste Präsident des Bundes Freireligiöser Gemeinden Deutschlands und begann, sich seinen Platz

in den Geschichtsbüchern zu erobern. Zunächst lernte er durch Gleichgesinnte Theodor Hahns „Das praktische Handbuch der

gesunden Lebensweise“ kennen und begründet 1867 den „Deutschen Verein für naturgemäße Lebensweise“, die Keimzelle des

heutigen Vegetarierbundes. Er wollte damit mehr als die Verbreitung von Ernährungstipps. „Wo hinaus soll das, wenn wir

fortfahren in der Hast und Jagd des heutigen unnatürlichen Lebens?“, sagte er einmal in einem Vortrag, „der Vegetarismus ist

keine Schrulle, sondern der tiefernste Versuch der Rettung aus den schwersten individuellen uns sozialen Gefahren durch

Rückkehr zur Einfachheit und Schönheit der Natur.“ ...

 

Fast 35 Jahre lebte Baltzer in Nordhausen, wirkte hier als Stadtverordneter und von 1865 bis 1874 als Stadtverordneten-

Vorsteher. Er förderte das Schulwesen, sorgte für den Anschluss der Stadt an das Eisenbahnnetz und die Verbesserung der

Trinkwasserversorgung. Schließlich prägte er auch das hohe Niveau der 1848 gegründeten „Nordhäuser Zeitung“. Die dankbare

Nordhäuser Bürgerschaft benannte eine Straße nach ihm und errichtete 1910 vor seinem Hause den Baltzer-Brunnen. Heute

erinnert dort eine Gedenktafel an sein Wirken.

Gefunden am 23.06.2007 in der Volksstimme, Art. von Dierk Strothmann